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by Konichigirl

Mitten in der Pampa
„Jetzt kommt schon!“

Bill lacht. Lacht so laut wie schon lange nicht mehr.
Wir rennen über eine Wiese. Glaube ich zumindest.
Ich vernehme nur das glucksende Geräusch unter meinen Füßen – Matsch.
Unsere Schuhe müssen furchtbar aussehen.
Aber wen interessiert das jetzt?
Wir rennen so schnell wir können, ohne ein Ziel.
Ein Gefühl von Freiheit und Euphorie strömt durch meinen Körper.
Ich drehe mich um und versuche Gustav und Georg irgendwo in der Dunkelheit auszumachen.
Erfolglos, es ist einfach zu dunkel.
Auch Bill kann ich nicht sehen, aber ich höre ihn, dicht hinter mir.
Sein Lachen ist verstummt, er atmet nur noch.
Schwer, aber glücklich.
Ich weiß nicht, wie lange wir schon rennen.
Ein paar Minuten werden es wohl sein.
Trotzdem spüre ich keine Müdigkeit.
Im Gegenteil ich fühle mich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder richtig wach und lebendig.

Unaufhörlich prasselt der Regen vom Himmel.
Ich spüre die Tropfen überall, vor allem an den Schultern.
Hinter mir höre ich Georg rufen.
„Ich kann nicht mehr.“
Bill lacht wieder und verschluckt sich.
Nach Luft ringend bleibt er stehen, seine Schritte verstummen.
Dann hat er sich wieder gefasst und lacht weiter.
„Georg, du bist echt ne Flasche!“
Er schreit es beinahe in die Nacht.
Vielleicht kommt es mir aber auch nur so vor, weil es so still ist, um uns herum.
Man hört nur unser Schnaufen und den Regen.
Unsere Schritte sind alle verstummt.
Gustav ruft irgendwo weit hinten unsere Namen.
Die Luft ist schwer, es riecht nach Regen.
Mittlerweile haben sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt.
Der Mond kommt hinter den Regenwolken zum Vorschein und spendet spärlich Licht.
Vor mir kann ich vage Bill und Georg ausmachen.
Gustav scheint sich zu entfernen, seine Schreie werden immer leiser.
„Gustav, du läufst in die falsche Richtung,“ schreit Bill ihm zu.
Ich habe ihn schon lange nicht mehr so ausgelassen erlebt.
Im trüben Mondlicht kann ich ein breites Grinsen auf seinem Gesicht erkennen.
Ich muss es nicht sehen, um zu wissen, wie seine Augen leuchten.
Endlich erreicht auch Gustav unseren kleinen Treffpunkt.
„Idioten! Ihr seid die größten Idioten, die ich kenne!?“
Er flucht, aber wir wissen alle, dass er es nicht ernst meint.
„Einfach drauflos rennen, ohne zu wissen wohin. Wenn euch etwas passiert wäre!“ Er grinst.
„Ja, genau so hätte Saki reagiert,“ lache ich.
„Oder unsere Mütter, wenn sie hier wären,“ meint Bill.
„Wo sind wir überhaupt?“
Die Frage kommt von Georg, der sich interessiert umsieht.
„Irgendwo in der Pampa.“ Bill zuckt mit den Schultern.
„Ist doch auch egal, oder?!“
Alle Blicke wenden sich Bill zu, doch er fährt unbeirrt fort.
„Lasst uns nicht an morgen denken, an all die Konsequenzen. Was zählt das schon, wenn wir in diesem Moment genau das hier erleben?
Einmal frei sein, einmal richtig tief durchatmen. Was zählt ist das hier und jetzt, oder?
Mit dem Rest können wir uns auch noch Morgen auseinander setzen.“
Ich muss lächeln, das ist typisch Bill.
Jetzt meldet sich Georg wieder zu Wort: „Na das ich das noch erleben darf! Wir stehen alle irgendwo im nirgendwo einer matschigen Wiese und Bill hält eine Danksagung an den Augenblick und preist die Natur! Ich meine... Bill, versteht ihr?!“
Wir müssen alle lachen und ich spüre wie sich die eben aufgekommene Anspannung wieder löst.
Bill hat recht, was interessiert uns das Morgen. Wir sollten den Moment genießen!
In Gustavs Blick blitzt etwas schelmisches auf.
„Also, wir stehen hier wie vier Idioten mitten in der Nacht in irgendeiner matschigen Wiese.
Es regnet und wir können kaum etwas sehen, ah und haben noch dazu nicht die geringste Ahnung, wo wir eigentlich genau sind, aber was soll’s?!
Wir leben eben die Sekunde, nicht?!“
„Genau das ist dein Problem, Gustav..“ Georg boxt Gustav freundschaftlich in die Schulter.
„Ja,“ meint auch Bill, „du bist viel zu verspannt.“
Ich mustere Gustav, er scheint nachzudenken. Dann nickt er leicht.
„Is schwer von dem ganzen Druck und dem Stress loszukommen, wenn es zum Alltag gehört.“
„Besonders deswegen solltest du das hier genießen!“
Bill gestikuliert wild mit den Händen.
„Wann bist du beispielsweise zum letzten Mal im Regen herumgerannt wie ein Irrer? Wann war das Gustav?“
„Wann bist du das letzte Mal irgendwo in der Natur unterwegs gewesen, Bill? Bist du das überhaupt schon mal,“ entgegnet dieser.
Bill schnaubt verächtlich auf. „Es gibt immer ein erstes Mal.“
„Ja, aber keiner von uns hätte gedacht, dass es dieses erste Mal in dieser Form mal geben würde,“ werfe nun auch ich ein.
„Ihr schweift ab,“ beteiligt sich Georg kühl, „der eigentliche Plan bedeutet Gegenwart.“
Wir grinsen alle.

Es muss wirklich lange her sein, dass wir so ausgelassen und befreit waren.
Natürlich passieren viele Dinge in unserem Leben als Stars und wir lachen auch viel.
Aber selten ist die Stimmung so entspannt und meistens sind wir sogar zu müde, um überhaupt eine Unterhaltung zu führen.
Der Mond verschwindet wieder hinter einer dunklen Wolke und die Schwärze greift um uns.
„Ich kann nichts sehen,“ kommt es von Bill.
„Aua, du stehst auf meinem Fuß, Bill!“
„Oh, sorry Gustav! Ich dachte das wäre ein Ast.“
„Georg bist du das?“
„Ja, nimm deine Hand aus meinem Gesicht!“
„Tschuldige!“

„Tom?“
Bill steht direkt neben mir und brüllt mir ins Ohr.
Ich kneife die Augen zusammen.
„Hier, direkt neben dir,“ stöhne ich.
„Ach da bist du... Du warst so still.“
„Hab euch zugehört,“ schmunzele ich.
„Leute,“ ruft Bill plötzlich aus. „Lasst uns fangen spielen!“
Seine Stimme überschlägt sich vor Begeisterung.
„Das ist doch nicht dein ernst,“ erwidere ich.
„Doch, natürlich! Ach kommt schon.“
„Wie alt waren wir doch gleich?“ Gustav gluckst.
„Keine Ahnung, mit wie viel Jahren spielt man denn fange,“ frage ich zurück.
Georg sagt mit der Stimme eines Pfarrers: „Gott muss das lange her sein.“
„Ja, unsere dunkle Vergangenheit,“ lache ich auf.
Bill ist neben mir ganz still geworden.
„Bill,“ frage ich vorsichtig.

„Fünf, Vier, Drei, Zwei, Eins, Null...Es geht los!“
Irgendwo tief unter uns gluckst es, als Bill losrennt.
Ich höre Gustav aufschreien: „Verdammt Bill, willst du mich umbringen?! Du hast mir direkt ins Auge gelangt.“
„Tut mir leid, aber selber Schuld. Ich hab gesagt, es geht los. Weißt du, beim Fange-Spielen muss man vor dem Fänger weglaufen.“
Georg ist wahrscheinlich in irgendeine Richtung geflohen und Bill grölt: „Gustav muss.“
„Ich glaubs nicht,“ murmelt der eben erwähnte.
Auch ich stehe einfach nur da und versuche zu realisieren, dass wir vier „Beinahe-Erwachsene“ mitten in der Nacht, oder besser gesagt:
am frühen Morgen, bei vollkommener Dunkelheit Fange spielen.
Es wird wieder ein wenig heller und ich erkenne Gustavs Schatten, der auf mich zuschleicht.
„Mist,“ knurrt er.
Ich schnipse. „Pech gehabt.“
Er macht einen Satz auf mich zu, doch ich weiche geschickt aus.
Pralle jedoch gegen die Person neben mir.
Ich höre Georg gerade noch fluchen: „Tom, du Arschloch!“
Dann liegt er auch schon der Länge nach im Matsch und wir anderen kriegen uns nicht mehr ein vor Lachen.
Während ich von einem erneuten Lachkrampf geschüttelt werde, spüre ich plötzlich einen Ruck, werde an der Hand nach unten gezogen und lande direkt neben Georg.
„Quitt,“ ist das Einzige, was er unter Lachen heraus bringt.
„Irgendwie erinnert mich das an das Fotoshooting für unser zweites Album,“ bemerke ich, als Gustav und Bill sich letztendlich auch neben uns wälzen.
„Und mich an unsere Kindheit,“ meint Gustav. „Da war so was tagsüber ja alltäglich.“
Wir liefern uns eine wilde Matschschlacht.
Gott, ich möchte nicht wissen, wie wir alle aussehen.
Schließlich lassen wir uns müde zurück ins nasse Gras fallen.
„Leute, ich sage euch: das gibt Ärger!“ Georg schüttelt den Kopf.
„Und ich sage, das gibt eine fette Erkältung,“ ruft Gustav.
„Was soll´s? Die Tour ist vorbei,“ kommt es von Bill.
„Irgendwie ging das alles wieder so schnell. Ich komme manchmal gar nicht mehr hinterher.“
Es wird still. Jeder ist mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt.
„Wir sollten zurück,“ sage ich nach einer Weile.
Die anderen Nicken zustimmend.
„Schade eigentlich,“ murmelt Bill. „Es war so schön.“
„Na ich bin ja gespannt, ob du das nach Davids Moralpredigt auch noch sagst.“
Dafür erhält Georg eine große Ladung Schlamm ins Gesicht.
„Hey, das hatten wir doch schon,“ schreit er auf.
„Leute ehrlich, wir müssen,“ drängt nun auch Gustav.
„Wenn wir es schaffen reinzukommen ohne jemanden aufzuwecken, zu duschen und unsere Klamotten sauber zu machen, merkt es vielleicht niemand.“
„Das glaubst du doch selber nicht, Gustav.“
„Hoffen darf man doch.“

Wir erheben uns. Ich will gerade losgehen, als Bill mich stoppt.
„Wir wissen doch gar nicht wohin wir müssen.“
Auch Gustav und Georg halten inne.
„Verdammt,“ kommt es beinahe zeitgleich von beiden.
„Kann ja nicht mehr lange dauern, bis die Sonne aufgeht,“ versuche ich die Situation zu entschärfen. „Ich meine, wie lange sind wir schon hier draußen?“
„Ne ganze Weile wird’s wohl sein,“ antwortet Gustav.
„Aber bis zum Sonnenaufgang dauert es noch. Wer weiß, ob es überhaupt arg viel heller wird, wenn es weiter so regnet,“ meint Bill mit einem Blick zu den dunklen Wolken über uns.
Georg sieht die Sache mal wieder ganz positiv: „Na ja zumindest ist es kein richtiges Gewitter mit Blitz und Donner.“
Ich stimme ihm zu. „Ja, oder Wind...Es wäre verdammt kalt. Zum Glück ist der Regen so schön warm. Außerdem könnte ich eh nicht schlafen, nach diesem Erlebnis.“
„Mein Gott, David fällt in Ohnmacht, wenn er uns morgen sieht.“
Gustav schlägt lachend die Hände über dem Kopf zusammen.
„Darauf kannst du wetten,“ entgegnet Bill.
Ich drehe mich zu ihm um und er grinst mich an.
„Ja ich weiß.“ Er hebt abwehrend die Hände hoch. „Es ist alles meine Schuld. Es war meine blöde Idee.“
Ich schüttele den Kopf und verpasse ihm einen Schlag auf den Hinterkopf. „Idiot.“
Zwischen Georg und Gustav entflammt eine wilde Diskussion.
Während Bill und ich den beiden lauschen, wirft Bill mir einen verständnislosen Blick zu, dann wendet er sich ab und geht ein Stückchen.
Ich folge ihm.
„Was ist los,“ frage ich besorgt.
„Nichts, es ist nur...,“ er stoppt.
„Ich hab schon ganz vergessen gehabt, was es heißt Kind zu sein. Unser „Job“ erwartet von uns das Verhalten von Erwachsenen.
Wir sind 17, Tom! Wir sind Kinder, keine Erwachsene – Jugendliche.“
Ich verstehe was er meint.
„Ja, vermutlich sind wir reifer, als manch anderer 40-jähriger.“
Er verdreht die Augen und deutet mit dem Kopf zu Gustav und Georg, die sich nun schon beinahe anschreien.
„Nach der Aktion?“
Ich zucke die Schultern, weil ich nicht weiß, was ich darauf antworten soll.
Ich spüre diese Anspannung in mir wieder.
„Komm, darüber denken wir morgen nach, das hast du doch selbst gesagt,“ versuche ich ihn aufzuheitern.
„Es ist morgen, Tom.“
„Nein, noch nicht. Morgen ist erst, wenn wir aus diesem kurzen Traum aufwachen. Höchstens in ein paar Stunden.“
Er legt den Kopf schief und atmet tief aus.
„Manchmal frage ich mich, wovon wir eigentlich wirklich träumen.“
„Wir leben unseren Traum, Bill. Das kostet eben auch was. Da beginnt man einfach von anderen Dingen zu träumen. Wir könnten jederzeit aufhören, aber das wollen wir nicht. Wir können es nicht. Du könntest ohne dein Mikro doch nicht einen Tag überleben.“
Er verzieht den Mund zu einem schiefen Grinsen.
„Verrückt,“ murmelt er. „Einfach nur verrückt.“
„Das ganze Leben ist verrückt. Wir sind nur ein winziger Bestandteil davon.“
„Wahrscheinlich der Teil, der die Welt verrückt macht,“ spekuliert Bill.
„Na, wenn du die ganzen Fans meinst...“
„Halt die Klappe, Tom,“ lacht er. „Halt einfach die Klappe.“
Gustav und Georg sind inzwischen zur Normallautstärke zurück gekehrt, geeinigt haben sie sich anscheinend aber noch nicht.
„Sag’s ihm, Bill. Wir können uns hier nicht einfach schlafen legen,“ wendet sich Gustav an uns.
„Gustav...heute Nacht...heute Morgen können wir alles.“
„Eben,“ man hört den Triumph aus Georgs Stimme. „Krank werden wir eh.“
Gustav seufzt schwer und gibt sich geschlagen.
„Wenn das meine Mami wüsste...,“ grinst er.
„Wenn das David wüsste...,“ korrigiere ich ihn.
„Ach, der wird es noch früh genug erfahren,“ gähnt Georg.
„Und bis dahin,“ nimmt Bill den Faden wieder auf, „sind wir einfach vier dumme, kleine Idioten aus Magdeburg. Mitten in der Pampa.“

Wir wissen alle, dass es Ärger geben wird. Riesen Ärger.
Und dass wir spätestens Morgen mit einer dicken Erkältung im Bett liegen werden,
aber es macht uns nichts aus, wir bereuen nicht eine Sekunde!
Für den Augenblick sind wir glücklich und das ist es, was zählt.